Zu den Enden der Welt

Will man zu den Rändern der Welt, ist es hilfreich, erst einmal den Mittelpunkt festzulegen. Islands geografische Mitte liegt wohl irgendwo im weglosen, unwirtlichen Hochland; da kommen wir leider weder mit unserer Frida noch zu Fuß hin. Dafür werden wir mit einem Bein in Europa und dem anderen Bein in Amerika stehen – zumindest geologisch. Und wir schauen uns die Vulkane an, die die Pforte zur Unterwelt und zur Hölle markieren.

 

 

 

Fast am nördlichen Polarkreis

Am Abzweig zum nördlichsten Punkt auf der Hauptinsel (Rifstangi, Norður-Þingeyjarsýsla, 66° 32′ N, 16° 12′ W) sind wir vorbeigefahren, unser Ziel ist Hraunhafnartangi, knapp südlich des Polarkreises, auf der Halbinsel Melrakkasletta. Hier trotzt der nördlichste Leuchtturm der Hauptinsel dem Wind, grasen einzelne Schafe am Wegrand, streichen Polarfüchse durch die windige Weite. Die nördlichste Ortschaft Islands ist Raufarhöfn, Norður-Þingeyjarsýsla, (66° 27′ N, 15° 57′ W), einer dieser im 20. Jh. schnell gewachsenen Heringsverarbeitungsorte, die nach Ausbleiben der Fischschwärme genauso schnell wieder verlassen wurden; rund 180 EinwohnerInnen sind geblieben. Auf dem Hügel über dem nördlichsten Ort Islands soll ein arktisches Stonehenge, ein mythologischer Sonnenkalender entstehen.

 

Den nördlichsten Punkt im Staat Island (Insel Kolbeinsey, Eyjafjörður, 67° 8′ N, 18° 41′ W) und die nördlichste Ortschaft (Grímsey, Eyjafjörður, 66° 33′ N, 18° 1′ W) haben wir nicht besucht.

 

Ende der Welt – wieder mal

Gesucht hatten wir eines der einsamsten Schwimmbäder Islands, am Ende der befahrbaren Piste im Nordosten der Strandir-Halbinsel. Gefunden haben wir ein trotz wechselhaftem Wetter sehr gut besuchtes Thermalbad mit Hot Pot – Krossneslaug. Die Lage ist einzigartig und besonders schön: wenige Meter oberhalb des grauen Kiesstrands, auf dem sich ein paar Treibholzstämme türmen, mit direktem Blick aus der 38-Grad-Sole über den Beckenrand auf das kalte Nordmeer. Grönland ist nur rund 300 km entfernt.

 

Im Westen Europas oder in Amerika?

Bjargtangar, Vestur-Barðastrandarsýsla, markiert den westlichsten Punkt Islands und damit auch ganz Europas (65° 30 N, 24° 32 W). Der westlichste Hof ist Hvallátur, Vestur-Barðastrandarsýsla (65° 32 N, 24° 28 W), die westlichste Ortschaft heißt Patreksfjörður, Vestur-Barðastrandarsýsla, (65° 35 N, 23° 59 W). Plattentektonisch betrachtet liegt das Ende Europas allerdings auf dem Grabenbruch, der sich quer durch Island zieht: Der westlichste Punkt Europas liegt irgendwo im Landesinneren, wo europäische und amerikanische Platte aneinandergrenzen. Wir fühlen uns trotzdem ganz im Westen Europas und besuchen den Leuchtturm am Kap Bjargtangar. Beim Spaziergang auf der Felswand Latrabjarg, die auf 14 km Länge bis zu 441 m hoch fast senkrecht aufragt, sehen wir Tordalken, Papageientaucher, Möwen, Lummen und Eissturmvögel und genießen die grandiose Aussicht auf die Tafelberge, die sich entlang der Fjordküste aus dem Dunst erheben.

 

Die nördlichste Hauptstadt der Welt

Reykjavik (64° 9′ N, 21° 56′ W) ist die nördlichste und zugleich eine der kleinsten Hauptstätte der Welt: Gut 120.000 IsländerInnen leben in der Stadt, im Großraum Reykjavil wohnen 211.000 Menschen; das sind 63 % der Bevölkerung des Inselstaats, die jährlich rund 2 Mio. Touristen verkraften müssen. Ein pulsierendes, quirliges Zentrum mit sehenswerter Kunst und Kultur, einer architektonischen Perle am Hafen (Kultur- und Kongresspalast Harpa), geothermal beheizten Bürgersteigen und dem nördlichsten Badestrand der Welt, selbstverständlich mit eigener Warmwasserquelle. Wir waren eine Woche in Reykjavik und können gar nicht alles aufzählen, was wir nicht besucht haben. Tolle Stadt.

 

Alte und neue Welt driften auseinander

In Pingvellir ist die Bruchkante zwischen europäischer und amerikanischer Kontinentalplatte besonders gut zu sehen: Im Westen erhebt sich die Almannagja, die Allmännerschlucht, mit bis zu 40 m hohen Basaltwänden und vielen Brüchen und Spalten, im Osten begrenzt die Hrafnagja, die Rabenschlucht, die Ebene. Die Platten driften hier etwa 8 mm pro Jahr auseinander, die Senke dazwischen verbreitert sich entsprechend. In den vergangenen 9000 Jahren haben sich Europa und Amerika rund 70 m voneinander entfernt.

 

Zwischen den Kontinenten

Der Mittelatlantische Rücken verläuft quer durch Island. Im Südwesten der Halbinsel ist er anhand vieler tiefer Spalten und Risszonen gut sichtbar. Eine Holzbrücke führt symbolisch von einer Kontinentalplattenkante zur anderen: Wir spazieren über die „Brücke zwischen den Kontinenten“ von Europa nach Amerika. Eigentlich müsste die Brücke einen Grabenbruch von mehreren Kilometern überspannen, denn die Kontinentalplatten sind schon weiter gedriftet; aber auch der 18m-Steg über eine einzelne Verwerfung ist sehr eindrucksvoll.

 

Auf dem Mittelatlantischen Rücken

2008 gab es in Hveragerdi ein Erdbeben mit 6,3 auf der Richterskala, das viele Häuser zerstörte, Bäume entwurzelte, tonnenschwere Steine ins Tal beförderte und ein neues Solfatarengebiet an die Erdoberfläche brachte; die Menschen kamen zum Glück mit dem Schrecken davon. Sie wissen, sie leben genau auf dem Mittelatlantischen Rücken, dem Bereich, an dem die amerikanische und die eurasische Kontinentalplatte auseinander driften. Exakt auf diesem Riss entstand ein riesiges Einkaufszentrum, mit beleuchtetem Grabenriss, Infos zum Erdstoß und einem Erdbebensimulator.

 

Zu Füßen des Myrdal-Gletschers

Wahrzeichen von Vik sind die Basaltzacken des Reynisdrangar – natürlich: versteinerte Trolle, die nicht schnell genug vor den ersten Sonnenstrahlen fliehen konnten. Vík í Mýrdal, Vestur-Skaftafellssýsla (63° 25′ N, 19° 1′ W) ist die südlichste Ortschaft Islands. Den südlichsten Hof, Garðar, Vestur-Skaftafellssýsla (63° 24′ N, 19° 3′ W), haben wir auf dem Weg zum Felstor am Kap Dyrholaey gesehen. Der südlichste Zipfel der Hauptinsel ist Kötlutangi, Vestur-Skaftafellssýsla (63° 23′ N, 18° 45′ W). Daneben ein wunderschöner, wild umtoster schwarzer Strand mit Tuff- und Gesteinsbrocken, der bei Wind und Flut Monsterwellen aufbaut – natürlich der südlichste Sonnenbadeplatz, zum Baden wegen gefährlicher Unterströmungen nicht geeignet. Über den hohen Basaltfelsen, den Höhlen mit Basaltstalagtiten, nisten unzählige Seeschwalben, Raubmöwen und im aktuell gesperrten Bereich auch Papageientaucher. Der südlichste Punkt im Staat Island liegt auf der Insel Surtsey, Vestmannaeyjar, (63° 17′ N, 20° 35′ W), die erst 1963 bis 1967 durch einen submarinen Vulkanausbruch entstanden ist.

 

Tief in Islands Osten

Neskaupstaður, die „Hering-Hauptstadt des Nordatlantiks“: Die östlichste Stadt Islands liegt am Nordfjoerdur, dessen imposante Steilwände von Nebelschwaden umwabert, die Bergspitzen in Wolken getaucht sind. Der moderne Leuchtturm hat uns erstaunt – ein gänzlich unromantischer, weißer Betonbau mit allerlei Antennen, der seit 1952 sein Licht und vor allem Funksignale über den Nordfjord in den offenen Atlantik sendet (65° 9′ N, 13° 43′).

Weiter reisen wir nicht, auch wenn der östlichste Hof (Sandvík, Suður-Múlasýsla, 65° 6′ N, 13° 33′ W) und der östlichste Punkt des Isländischen Festlands (Gerpir, Suður-Múlasýsla, 65° 4′ N, 13° 29′ W) noch weiter im Osten liegen. Der östlichster Punkt des Staates Island liegt auf der Insel Hvalbakur, Suður-Múlasýsla (64° 35′ N, 13° 14′ W).

Das Tor zur Hölle

Die Hekla („Haube“) zählt zu den aktivsten Vulkanen Islands. Sie liegt am Schnittpunkt dreier tektonischer Platten im Süden des Landes und bildet das Zentrum eines 40 km langen Vulkansystems, von dem regelmäßig (zuletzt im Jahr 2000) kleine und große Zerstörungen ausgehen. Im Mittelalter galt die Hekla als „Tor zur Hölle“. Im Flateyjarbók, der umfangreichsten Handschriftensammlung der isländischen Frühzeit, wird die Eruption von 1341 beschrieben: Beobachter berichteten von großen und kleinen Vögeln, die aus dem Krater flogen, und hielten sie für fliehende Seelen. Sebastian Münzer schrieb im 16. Jahrhundert: "Im Hekelsberg gibt es einen unergründlichen Schlund, aus dem häufig Menschen auftauchen, die kurz zuvor ertrunken sind. Auf Bitten ihrer Freunde, mit ihnen heimzukehren, antworten sie nur mit schwerem Seufzen und versinken unverzüglich wieder im Berg." Noch 1750 wurde den Erstbesteigern Bjarni Pálsson und Eggert Ólafsson dringend von dem „alle Teufel der Hölle herausforderndem Unternehmen“ abgeraten. „Fahr zur Hölle!“ flucht man auf Schwedisch „Dra åt Häcklefjäll!“ („Fahr zur Hekla!“). Die Bilder zeigen die Simulation eines Ausbruchs und die aktuelle Hekla, von Westen her gesehen.GPS: 63° 59′ 32″ N, 19° 40′ 0″ W

 

Hier geht’s zum Erdmittelpunkt

Snaefellsjökull („Schneeberggletscher“), der Vulkan mit kleiner Gletscherkappe in Sichtweite der Hauptstadt Reykjavik, war bis vor knapp 2000 Jahren aktiv. Die Erstbesteigung durch Bjarni Pálsson und Eggert Ólafsson erfolgte 1753. Gut 100 Jahre später steht der Berg im Zentrum des Romans „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne (1873 deutsche Erstausgabe): Der eigenwillige Geologie-Professor Otto Lidenbrock erwirbt ein Manuskript mit Runen; sein Neffe und Assistent Axel kann die Geheimschrift entziffern, die den Einstieg in die Unterwelt beschreibt. Gemeinsam reisen sie von Hamburg nach Island, erklimmen mit Führer den Snaefellsjökull – und gelangen über eine Höhle auf dem Kraterboden immer tiefer ins Erdinnere. Nach vielen bestandenen Abenteuern werden sie durch den Krater des gerade ausbrechenden Vulkans auf der italienischen Insel Stromboli zurück auf die Erdoberfläche geschleudert. Da wollen wir hin. GPS:  64° 48′ 32″ N, 23° 46′ 16″ W

 

Ultima Thule – das nördliche Ende der Welt

Vom griechischen Seefahrer und Geograf Pytheas von Massilia (heute: Marseille) kommt um 325 v.u.Z. der älteste schriftliche Hinweis auf eine Insel weit im Norden der damals bekannten Welt. „Ultima Thule“ galt als furchterregend und unüberwindbar: Das nördliche Ende der Welt, mit Feuer speienden Vulkanen und langen, dunklen Nächten in ewigem Eis und Schnee. Obwohl Pytheas bei seiner Forschungsreise vermutlich in Norwegen und nicht in Island gelandet war, wurde die Insel bis ins Mittelalter „Thule“ genannt. – Wir haben auch einen Thule: Er sitzt oft auf der Anhängerkupplung und hält die Fahrräder fest.

 

Eine neue Reise