Zu den Enden der Welt

Will man zu den Rändern der Welt, ist es hilfreich, erst einmal den Mittelpunkt festzulegen. Das war bei unserer Reise nach Patagonien und Feuerland gar nicht so einfach: Da diese Fahrt nicht von uns selbst organisiert war, besuchten wir zuerst die  Enden (oder den Anfang) der südamerikanischen Welt und erst am Ende der Reise einen Mittelpunkt.

 

 

Im Zentrum der chilenischen Straßen

Der geografische Mittelpunkt Chiles liegt am Südende des amerikanischen Erdteils, denn zum Land gehören nicht nur die Osterinsel sowie einige Inselgruppen in Südpazifik und Südatlantik; Chile beansprucht auch einen Teil der Antarktis. Für Argentinien konnten wir den Mittelpunkt nicht exakt ermitteln, denn auch hier streiten sich die Staaten um einzelne Inselarchipele sowie einen Sektor im antarktischen Kontinent. Alle infrage kommenden Orte haben wir nicht besucht. Wir waren dafür auf dem Plaza de Armas in Santiago de Chile, am „Kilometer null“. Dies ist zumindest der Mittelpunkt des chilenischen Straßensystems.

 

Höhen und Tiefen in Südamerika

Der höchste Gipfel Amerikas ist der Aconcagua mit 6962 Metern. Auf unserem Rückflug von Santiago de Chile sind wir an ihm vorbeigekommen – leider nur bei Dunkelheit, sodass es kein Foto gibt. Den tiefsten Punkt Südamerikas haben wir bei Tageslicht gesehen: Westlich der Ruta 3 in Südargentinien erstreckt sich die Gran Bajo de San Julian (das Große San-Julián-Becken) mit der Laguna del Carbón, einem Salzsee ohne natürlichem Abfluss. Hier liegt mit 107 Metern unter dem Meeresspiegel der tiefste Punkt des amerikanischen Doppelkontinents (Wikipedia nennt nur 105 Meter unter NN).

 

Die südlichste Stadt des Kontinents

Punta Arenas liegt ganz im Süden Chiles auf der Brunswick-Halbinsel. Sie ist die südlichste Großstadt der Welt und die südlichste Stadt des amerikanischen Kontinents. Weiter südlich liegen nur noch Inseln. Gegründet wurde Punta Arenas 1848 als Strafkolonie an der Magellanstraße, später war sie Freihafen und Station auf einer der wichtigsten Handelsstraßen der Erde. Heute ist Punta Arenas beliebter Hafen bei Kreuzfahrtschiffen und Ausgangspunkt für Exkursionen in die Inselwelt und die Fjordlandschaften Südchiles sowie den antarktischen Archipel.

 

Die südlichste Stadt der Welt

Ushuaia, die südlichste Stadt Argentiniens und der Welt, liegt auf der Großen Feuerland-Insel (Isla Grande de Tierra del Fuego) am Beagle-Kanal. Hier lebten die Kanunomaden der Yámana, bevor sie ab Ende des 19. Jahrhunderts vertrieben oder getötet wurden. In ihrer Sprache bedeutet der Ortsname „Bucht, die nach Osten blickt“. Auch die Geschichte Ushuaias ist eng mit dem Bau eines Gefängnisses verbunden. Heute wird der Hafen regelmäßig von Kreuzfahrtschiffen angelaufen und ist Ausgangspunkt für Expeditionen in die Antarktis.

 

Das südlichste Dorf der Welt

Von Puerto Williams habe ich zwar zahlreiche Fotos aufgenommen; sie wurden aber während der Reise böswillig vom Speicherchip in meiner Kamera gelöscht. Die südlichste, ständig bewohnte Siedlung der Welt liegt auf der Insel Navarino am Beagle-Kanal und gehört, wie die meisten Inseln des südlichen Feuerland-Archipels, zu Chile. Von Ushuaia (Argentinien) aus, wo unsere Schiffstour startete, gibt es kaum Verbindungen nach Puerto Williams. Die touristische Öffnung beginnt gerade; bislang wird das Dorf zur Hälfte militärisch, zur Hälfte zivil genutzt. Lieber Horst, vielen Dank für das Bild!

Foto: Horst Hirschmann

Der Mythos Kap Hoorn

Kap Hoorn auf der Felseninsel Isla Hornos (Chile) markiert den südlichsten Punkt Südamerikas. Die Landspitze liegt auf 55° 59′ südlicher Breite und 67° 17′ westlicher Länge. Die Umrundung des Kaps, vor allem die Fahrt vom Atlantik in den Pazifik, zählte zu den gefürchtetsten Schiffspassagen. Schätzungsweise gingen vor Kap Hoorn mehr als 800 Schiffe unter, mehr als 10.000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Das Denkmal von José Balcells zeigt einen stilisierten Albatros. Am Kap Hoorn waren wir nicht, das Foto entstand im Salesianer-Museum in Punta Arenas. Man muss sich ja auch noch Ziele für kommende Reisen offen halten.

 

Die chilenische Dichterin Sara Vial hat den Ertrunkenen dieses Gedicht gewidmet:

"Ich bin der Albatros, der am Ende der Welt auf dich wartet. Ich bin die vergessene Seele der toten Seeleute, die zum Kap Hoorn segelten, von allen Meeren der Erde. Aber sie sind nicht gestorben im Toben der Wellen, denn jetzt fliegen sie auf meinen Schwingen für alle Zeit in die Ewigkeit, wo am tiefsten Abgrund der antarktische Sturm heult.“

 

Eine neue Reise